Ethnographische Spurensuche

Zehntspeicher Gartow – 04. Juni bis 09. Juli 2011

Vernissage: 4. Juni 2011, 18.00 Uhr

Am Samstag, dem 4. Juni eröffnet der Westwendische Kunstverein im Zehntspeicher in Gartow die zweite der insgesamt drei Ausstellungen im Rahmen des Projektes „Tschernobyl 25 – expeditionen“. Bis zum 09. Juli zeugen dann ausgewählte Exponate des Museums für Ethnographie und Kunst in Lemberg von der rund 5000 Jahre alten Kultur, die seit dem GAU von Tschernobyl verloren zu gehen droht. Darüber hinaus sind die Besucher eingeladen, sich anhand umfassender Materialien – Fotos, Texte sowie Filme – an der Spurensuche in der Tschornobylske Polissja zu beteiligen.

Etwa 300 verlassene und gut 100 untergepflügte Dörfer und Weiler, sowie die verlassenen Städte Tschernobyl und Prybjat befinden sich in jener verstrahlten Sperrzone, welche den sogenannten Sarkophag von Tschernobyl umgibt. Mit der Katastrophe von Tschernobyl fand dort die Geschichte von fünfeinhalbtausend Jahren der Besiedlung ihr vorläufiges jähes Ende.

Für Ethnologen war dieses Gebiet, die Polissja, schon seit der Mitte des vorherigen Jahrhunderts wegen seiner abgeschiedenen Lage von besonderem Interesse. In sog. Expeditionen sammelten sie Kulturgüter und sicherten sie für die Nachwelt. Dabei handelte es sich in erster Linie um die Volkskultur der bäuerlichen Bevölkerung, doch auch um die Kultur eingewanderter russischer Altgläubiger, sowie bis ca. 1920 die Kultur der chassidisch geprägten jüdischen Einwohner.

Acht Jahre nach der Reaktorkatastrophe richtete das Lemberger Ethnographische Museum erstmals wieder Expeditionen in die Tschornobylske Polissja aus, um zu retten, was Plünderer und Liquidatoren nach dem Reaktorunglück übrig gelassen hatten. Ethnologen, Folkloristen, Archäologen, Linguisten, Schriftsteller, Fotografen, Filmemacher und Journalisten beteiligten sich daran, so dass die Erfassung, auch der spätsowjetischen Kultur, auf vielen Ebenen erfolgte. Etwa 350.000 ehemalige Bewohner des verstrahlten Gebiets lebten da längst als Vertriebene in verschiedenen Orten der Ukraine und Weißrusslands. Doch sind auch etliche Bewohner, vorwiegend Alte, in der Zone geblieben oder wieder dorthin zurückgekehrt. Mitarbeiter der Expeditionsgruppen betrieben und betreiben ihre Feldforschungen sowohl bei ihnen, als auch bei den Evakuierten an ihren jetzigen neuen Wohnorten.

Zur Ausstellungseröffnung am 4. Juni, ab 18.00 Uhr, sind Leiter und Mitarbeiter des Museums in Lemberg anwesend

Öffnungszeiten: Freitags 16 – 19 Uhr, Samstags und Sonntags 14 – 18 Uhr. Während der Kulturellen Landpartie (2. Juni – 13. Juni) ist die Ausstellung zusätzlich Montag bis Donnerstag sowie Pfingstmontag von 15 – 18 Uhr geöffnet.

KuratorInnen der Ausstellung: Gabi Blonski und Dr. Jochen Herbst

Hintergrundinformationen zur “Tschernobylske Polissja” und die Expeditionen:

Eröffnungsrede von Kuratorin Gabi Blonski

Die Polissja (Text: Ludmilla Bulhakova/Museum für Ethnographie und Kunst, Lviv)

Die Expeditionen (Text: Ludmilla Bulhakova/Museum für Ethnographie und Kunst, Lviv)

 

Die nachfolgenden Fotos entstanden in einem Lagerraum des “Staatliches Wissenschaftliches Zentrum zum Schutz des Kulturellen Erbes vor Technogenen Katastrophen” in Kiew.