Die Straße der Enthusiasten

Eine Wanderausstellung des Morat-Instituts Freiburg für Berlin, Kiew, Warschau, Brüssel, Gartow und Freiburg. Thema: Aufstieg und Fall der Stadt Pripjat.
Zehntspeicher Gartow: (23. Juli – 3. September 2011)

Vernissage: 23. Juli 2011, 18.00 Uhr, Zehntspeicher Gartow

Fotografien von Robert Polidori (2001), Andrij Krementschouk (2010), Sergij Nekhajew (1980 – 1983); sowjetische Plakate um 1930; Eco-Poster der Gruppe BLOCK4 aus Charkiw (1991-2009); Lyrik von Lina Kostenko, Kiew (1993).

Filmplakat zu Dziga Vertovs Film "Donbass Symphonie/Enthusiasmus"

Filmplakat zu Dziga Vertovs Film "Donbass Symphonie/Enthusiasmus"

Die Stadt Pripjat wurde 1970 für die im Atomkraftwerk Tschernobyl Beschäftigten gebaut. Eine hochmoderne, junge, sowjetische Modell-Stadt mit 48.000 Einwohnern, viereinhalb Kilometer vom AKW entfernt. Nur sechzehn Jahre später hat man sämtliche Bewohner der verstrahlten Stadt evakuiert, die Stadtgeschichte war zu Ende. Seither steht Pripjat leer, eine monströse Installation.

Eine wichtige Straße am südlichen Stadtrand von Pripjat heißt «Straße der Enthusiasten». Die Stadtgründer zogen im Jahr 1970 (Breschnew-Ära) ganz selbstverständlich eine Traditi­onslinie von der damals aktuellen Begeisterung für das perpetuum mobile Atomkraft hin zum historischen Enthusiasmus der ersten sowjetischen Industrialisierung (Fünfjahresplan 1927-1932), also zu jenem quasireligiösen, fortschrittsgläubigen Eifer, der die Massenmobi­lisierung des Stalinismus charakterisiert. Über allem schwebt Lenins dictum von 1920: «Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung des ganzen Landes».

Als Energiequellen standen in den frühen 30er Jahren der Sowjetukraine die Kohlegruben des Donbas und die neuen Kraftwerke am Dnjepr zur Verfügung. Das berühmte Wasser­kraftwerk bei Zaporizhja «Dnipro HES» wurde am 1. Mai 1932 eingeweiht, begleitet von Oleksandr Dowzhenkos Filmpoem «Ivan». Ein Jahr zuvor hatte Dziga Vertov («Autor und Film-Ingenieur») den ersten sowjetischen Tonfilm präsentiert: «Donbas-Symphonie: Enthu­siasmus». Man muss sich den Weg von der gigantischen Hydro Elektro-Stantsija am Fluss Dnjepr (1932) zur Tschornobyls’kyj Atomnyj Elektro-Stantsija (ЧAEC) am Fluss Prybiyat (1980) als einen ganz gradlinigen und selbstverständlichen vorstellen.

Die Ausstellung des Freiburger Morat-Instituts setzt als Zeitachse den 26.4.1986, also die Chiffre Tschernobyl. Sie zeigt Sichtweisen, Denkweisen, Wahrnehmungen, die vor und nach diesem Termin möglich waren.