Eröffnung der Ausstellung “Ethnographische Spurensuche”

Keramik aus der Tschernobylske Polissja

Keramik aus der Tschernobylske Polissja

Wieviel Interesse auch die kulturellen und sozialen Folgen der Tschernobyl-Katastrophe bei der Öffentlichkeit hat, bewies der Zustrom der Besucher zur Vernissage der Ausstellung “Ethnographische Spurensuche” am 4. Juni: fast 150 Gäste fanden sich am Samstag im Zehntspeicher ein. Hier die Eröffnungsrede von Kuratorin Gabi Blonski:

Sehr geehrte Damen und Herren,

Über die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, über Fukushima und die aktuelle Auseinandersetzung mit der Atomkraft, sowohl von der wissenschaftlichen als auch der politischen Seite hat Rebecca Harms in ihrer Rede zur Eröffnung der ersten Ausstellung unseres dreiteiligen Zyklus, Menetekel,  sehr anschaulich referiert. > Ausschnitte aus der Rede von Rebecca Harms

In unserer 2. Ausstellung , der ethnographischen Spurensuche, widmen wir uns nun den Auswirkungen, welche diese unvorstellbare Katastrophe auf die vorwiegend bäuerliche Kultur im Sperrgebiet rund um Tschernobyl zeitigte.

Die Tschernobylske Polissja ist Teil der Polissja, einem ca. 100 000 Quadratkilometer großen Gebiet, begrenzt durch die Belarussische Anhöhe im Norden und der Wolhynischen im Süden, vom Fluss Pripjat und seinen zahlreichen Nebenflüssen durchzogen. Seen, weitläufige Sümpfe, Wälder und Sanddünen prägen diese Landschaft.

Ein unzugängliches Gebiet, in welchem die Bewohner in Armut lebten, und für ihre Häuser und Kulturgegenstände all die Materialien verwendeten, welche sie in ihrer Umgebung vorfanden. So entwickelte sich eine Kultur, welche von Generation zu Generation weitergegeben und entwickelt wurde. Die Polissja wird oft auch als die Wiege der slawischen Kultur bezeichnet.

Auf Grund der Unzugänglichkeit und der damit verbundenen kargen Lebensbedingungen haben sich wesentliche Elemente dieser Kultur bis hin zum Jahr der Reaktorkatastrophe erhalten.

Ein maßvoller Wandel ist das Wesen jeglicher geschichtlicher Entwicklung. Einer Entwicklung, welche die Menschen in der Regel selbst bestimmen und gestalten. Doch ein derartiger Bruch, wie die damalige abrupte Kontaminierung ihres Lebensraumes, wo von einem Moment zum nächsten sich Vertrautes in Bedrohliches verwandelte, ist etwas ganz anderes.

Man stelle sich vor: Plötzlich, ohne Vorwarnung sein Haus, sein Land, sein Vieh, seine vertraute Umgebung verlassen zu müssen; nicht zu wissen, ob man je wieder zurück kehrt. Und nichts mitnehmen zu dürfen, als die Bilder im Kopf. Vielleicht kann man da erst begreifen, welche Bedeutung all die Symbole der Geschichte haben, die uns täglich umgeben. Symbole der Familiengeschichte, z.B. vererbte Möbel, Schmuckstücke, Gebrauchs- und Kunstgegenstände, Ikonen und Fotos an den Wänden. Symbole der gemeinsamen Dorfgeschichte, wie gemeinsame Bräuche, gemeinsames Singen, Tanzen. Und wie sehr prägt einen auch die Landschaft, die einen umgibt, die Bauweise der Häuser. Wir denken meist nicht bewusst darüber nach, doch schwingt die Geschichte durch ihre Symbole als Grundstimmung in unserem Leben immer mit.

Die bäuerlichen Menschen in der Polissja waren ja bei weitem nicht so kosmopolitisch wie wir. Sie waren es nicht gewohnt, einfach in ein Flugzeug zu steigen, in der weiten Welt herum zu fliegen, und sich überall schnell zu Hause zu fühlen. Alles mussten sie zurückgelassen, viele Häuser in unmittelbarerer Umgebung des Reaktors wurden zerstört und untergepflügt, der Hausrat in tiefen Gruben vergraben. Weiter entfernt warteten die Häuser zum Teil, sorgsam verschlossen, so wie ihre Bewohner sie verlassen hatten, auf deren Rückkehr.

Etliche, vor allem alte Menschen, blieben einfach dort. Oder sie kehrten nach einer Weile, trotz der Strahlung, in ihre vertraute Heimat zurück. Auch Fremde kamen, und Plünderer, die in die Häuser eindrangen, die Gruben wieder ausräumten, und alles, was nicht niet- und nagelfest war, aus der Sperrzone heraus schafften und auf den Märkten überall in der Ukraine und Weißrussland verkauften.

Paradoxerweise sind es die Dagebliebenen, die ohne Infrastruktur, ohne Läden, ohne einen Arzt in ihrer Nähe, manchmal fast allein oder zu wenigen in einem verlassenen Geisterdorf mühsam leben, die  die alte Kultur in ihren Resten fortführen. Sie benutzen weiterhin, was da ist, sie flechten sich ihre Körbe wie zuvor, sie brennen sich ihre Tonkrüge, weben und sticken.

Im Auftrag des ‘Ministeriums der Ukraine für den Bevölkerungsschutz vor den Folgen der Tschernobyl- Katastrophe’ und dem ‘Institut für Volkskunde der Akademie der Wissenschaften der Ukraine in Lviv’ wurden ab dem 29. Juni 1994 sog. Expeditionen in die Sperrzone unternommen. Wissenschaftler unterschiedlichster Sparten, Musiker, Filmer besuchten die verbliebenen Bewohner, ließen sich deren ‘Geschichten’ erzählen und dokumentierten diese in Bild und Ton. Sie sammelten Kulturgüter, um sie vor der endgültigen Zerstörung zu bewahren. Mit diesen Expeditionen erfüllten sie eine nicht zu unterschätzende Aufgabe.

Die Frage, die sich nun stellt: Was wird aus all diesem gesammelten Material? Was passiert mit den Lagern, in denen Tausende von Tonkrügen, landwirtschaftlichen Geräten, Spinnräder und und und lagern? Und alles ist kontaminiert.

Wir möchten mit dieser Ausstellung einen kleinen Teil dazu beitragen, diese Region ins Bewusstsein zu bringen, und damit einen Beitrag für das Weiterleben dieser Kultur zu leisten. Wir sind dem Museum für Kunst und Ethnographie in Lviv sehr dankbar, dass es uns so großzügig und freundlich in unserem Anliegen unterstützt hat. Sonst wäre diese Ausstellung gar nicht möglich gewesen. Und auch dem Freiburger Augustiner Museum gilt unser Dank. Dr. von Stockhausen und Herr Dürrenberger haben uns sehr geholfen, indem sie uns die Tür nach Lviv überhaupt erst öffneten. In Freiburg wird in diesem Herbst eine umfassende ethnographische Ausstellung zur Geschichte der Polissja präsentiert, welche, anders als bei uns, nicht nur die Bruchstelle, sondern die gesamte geschichtliche Entwicklung zum Inhalt hat.

Wir hingegen haben uns bewusst auf die ‘Bruchstelle’ durch die Reaktorkatastrophe und die Expeditionen beschränkt.

Zum einen in der Ebene der ausgestellten Exponate, als Symbole dieser einst blühenden Kultur, zum anderen in den sie umgebenden Pinnwänden, wo Fotos von den Expeditionen zu sehen sind, und zum dritten in den dort hinein gestellten Texten von Swetlana Alexijewitsch (Auszüge aus “Tschernobyl – Chronik der Zukunft”), welche in berührender Weise den durch die Katastrophe betroffenen Menschen eine Stimme gibt.

04. Juni 2011
Gabi Blonski / Kuratorin der Ausstellung „Ethnographische Spurensuche“

Fotos: Sergej Marchenko

 

 

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