Die Tschernobylske Polissja

Polessien – die Polissja – wird bei uns in erster Linie mit der am stärksten von der AKW-Katastrophe in Tschernobyl betroffenen Region in Verbindung gebracht. Geschichtlich betrachtet ist es ein Gebiet, in dem sich über Jahrhunderte eine einzigartige, komplexe slawischen Kultur entwickelte, welche noch bis heute zum Teil archaische Züge aufweist.

Die Polissja, eine Fläche von ca. 100 000 Quadratkilometern, zieht sich mit ihren Wäldern, Mooren, Seen und Sanddünen von der Belarussischen Anhöhe im Norden bis hin zur Wolhynischen im Süden. In ihr dominierten einst Kiefern- und Eichenwälder, gemischt mit Birkenhainen, Hasel- und Brombeersträuchern, und von Farnen, Himbeeren, Preiselbeeren und Heidekraut durchzogen. Der Prybjat und seine zahlreichen Nebenflüsse durchziehen das Land und bilden ein ausgedehntes Seen- und Wassernetz. So bildeten sich wuchernde, feuchte Sümpfe mit Torfmoosen, Korbweiden, Seggen, Schilfrohr, Zwergbirken, Weiden und Erlen. Diese Moorlandschaft unterliegt durch vom Wind angewehte Dünen einem ständigen, reizvollen Wandel.

Die älteste Erwähnung der Polissja findet sich in der Hipatiuschronik aus dem 13. Jahrhundert. Seitdem stand Polessien unter wechselnder Herrschaft. So gehörte es zur mittelalterlichen Kiewer Rus’, zum Großfürstentum Litauen, zu Polen-Litauen, dem Russischen Reich, Polen, sowie der Sowjetunion und heutzutage, bis auf kleine Teile zur Ukraine und Belarus’ (Weißrussland ).

Bis zum 26. April 1986 erhielten sich die einmaligen archaischen Elemente dieser Kultur in alten Bräuchen, Traditionen und Riten, in Liedgut und in traditionellen Wirtschaftszweigen wie Ackerbau, Viehhaltung, Fischerei, Fassbinderei, Weberei und Töpferei. Die alten Traditionen wurden von Mund zu Mund von einer Generation an die nächste übergeben. In fast allen Haushalten hingen gestickte und gewebte rituelle Handtücher, die Ruschnyki, zum Gedenken an die Vorfahren.

Auf der Landkarte existiert Polessien noch heute, doch durch die Folgen der Reaktorkatastrophe hat Europa eines seiner schönsten Urnaturgebiete verloren, und auch eine der reichsten geistigen Schatzkammern der slawischen Welt.

Text: Ludmilla Bulhakova / Museum für Ethnographie und Kunst Lemberg

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