Ausstellung “Menetekel” im Hamburger Rathaus / Eröffnungsrede von Dr. Jochen Herbst

Am Dienstag, dem 14. Juni wird um 14.00 Uhr die Ausstellung “Menetekel” im Hamburger Rathaus eröffnet. Bis zum 30. Juni ist sie dann zu den Öffnungszeiten des Rathauses zu sehen. Hier die Rede von Dr. Jochen Herbst anlässlich der Eröffnung in Hamburg: …

 

Sehr verehrte Frau Senatorin Blankau,
Liebe Gäste,

Der Westwendische Kunstverein Gartow, gelegen am östlichen Rand der Metropolregion Hamburg, bedankt sich, die erste Ausstellung seiner diesjährigen Ausstellungstrilogie: „Tschernobyl25-expeditionen „ hier im Rathaus in Teilen zeigen zu dürfen.

Eine Ausstellung in der Rathausdiele aufzubauen, ist eine Erfahrung an sich : das wuselige Durcheinander von Touristen aus verschiedenen Ländern, die Kommentare über jedes nun neu aufgehängte Bild, teils im Fortgehen „ die bösen Demonstanten„ teils in direkter Ansprache : „ da waren wir auch mal …„ bis zu „darf man die Bilder mitnehmen„; auf jeden Fall ist das Interesse groß.

Hamburg schreibt seine eigene Geschichte zum Thema Atomernergie.

Es ist umstellt von Atomkraftwerken : dem „Pannenmeiler„ von Krümmel, Brunsbüttel, Brokdorf und auch dem stillgelegten Meiler in Stade. Ich erinnere an die gewaltigen Demonstrationen gegen die Atomkraft mit bis zu 50.000 Teilnehmern, was in etwa der Bevölkerung des Wendlandes entspricht.

Wie bei uns, hat es schon frühzeitig eine Menge Leute auf die Straße getrieben, weil sie in dieser Technologie eher die Gefahren als den Nutzen sahen. Der Hamburger-Kessel im Juni 1986 : wie wurde er damals bewertet ? – Aus heutiger Sicht: Weitsicht von einigen Hundert oder tausend Mitbürgern; man sollte sich daran erinnern.

Die noch vor kurzer Zeit als Ei des Kolumbus gepriesene Privatisierung der Energieversorgung, deren Wende auch in Hamburg vollzogen worden ist, treibt die Hanseaten wieder um : Familiensilber verkauft man einfach nicht ?

Die Verbundenheit zwischen Hamburgerinnen und Hamburger mit dem Wendland, dem Landkreis Lüchow- Dannenberg, beschränkt sich nicht nur auf den Austausch von kritischem Gedankengut und von „manpower „ jeweils vornehmlich im November, sondern liegt auch darin, daß das Wendland immer noch Kultur satt in einer relativ intakten ländlichen Umgebung bieten kann. Das muß auch mal gesagt werden : mein kleines Dorf Nienwalde sähe ganz anders aus, wenn es nicht die liebevoll restaurierenden Hamburger „Datschenbesitzer“ geben würde. Ähnliches gilt für das ganze Wendland.

Unsere erste Ausstellung „Menetekel“ hat nicht umsonst den etwas hochgegriffenen Untertitel : Tschernobyl, Majak, Gorleben, und Gorleben dann mit einem Fragezeichen versehen.

Das Fragezeichen steht hier nicht nur dafür – die älteren unter Ihnen werden sich noch daran erinnern -, daß es auch einmal Gedanken darüber gab, in Langendorf an der Elbe ein AKW zu erstellen. Es steht auch dafür, daß der Landkreis Lüchow-Dannenberg eine sehr wechselvolle, herausragende, anhaltende und eine in meinen Augen erfolgreiche Widerstandsgeschichte im Bezug auf den Umgang mit der Nukleartechnologie und deren Hinterlassenschaften in Deutschland gespielt hat.

Es sind nicht alle Dinge vom Tisch, aber : Stellen Sie sich nur mal vor, wir hätten alles, ohne zu murren akzeptiert, was man uns eigentlich in das Wendland stellen wollte ? Die Idee zu einem AKW in der Nähe von Gorleben an die Elbe hatte ich schon erwähnt. Das Zwischenlager mit seinen „ heißen Kisten „ steht allerdings und ist fast alljährlich Brennpunkt kreativen Widerstandes.

Das milliardenschwere Endlager im Salz und seinen 7 Kilometer langen Gängen ist immer noch mit einem großen ? versehen. Der Salzabraum ist auf einer großen Halde gelagert und eben nicht via kurzer Pipeline in die Elbe gelangt. Wir haben weiterhin den Zander und den Hecht und nicht die aufgewanderte Nordseescholle vor Gorleben. Die Pilotkonditionierungsanlage steht zwar fertig dort und ist sicher in allerlei Trockenübungen genutzt worden, aber nie in die „Produktion„ gegangen. Nicht ohne Grund ist der Widerstand gegen diese Technologie vor über 20 Jahren Geburtspate für die Gründung des Westwendischen Kunstvereins gewesen.

Für das Projekt “Tschernobyl 25 – expeditionen” habe ich mehrere Recherchereisen in die Ukraine und nach Tschernobyl unternommen. Die dort gewonnenen Eindrücke verknüpft mit den Ereignissen in Fukushima lassen mich noch fester in meiner Überzeugung werden, daß es andere Gründe haben muß als die Befreiung von allen Energiesorgen, warum die Nukleartechnologie diesen verheerenden Einfluß in das Denken so vieler mächtiger Menschen, die eher an das Jetzt als an das Morgen denken, gewonnen hat.

Viele kennen die populäre Parole : Gorleben ist überall… das klingt überheblich, aber wir können auch sagen Tschernobyl, Majak, Harrisburg, Fukushima ist potenziell überall. Und immer haben sich auch Künstler hier eingemischt.

Ich gebe zu , daß die Behandlung dieses Themas für uns als Kunstverein dennoch eine Gratwanderung ist. Sie als  Zuschauer mögen für diese Ausstellung das Resumee ziehen, ob wir diese Gratwanderung : Tschernobyl 25 – expeditionen durch das künstlerische Auge erforscht, dargestellt zu haben, erfolgreich bestanden haben.

Anläßlich einer Ausstellung von Cornelia Hesse-Honegger in der Kunstkammer, einer Tochter des Westwendischen Kunstvereins, im Jahre 2008, haben Rebecca Harms, Nikolaus Neumann und ich die Idee entwickelt, daß der WWK trotz der schon erahnten vielen weltweiten Projekte zu diesem traurigen Jahrestag, prädestiniert sein würde, eine solche Ausstellung auf die Beine zu stellen.

Das Projekt hat sich ausgeweitet, vor allen Dingen durch die Kooperationspartner : die Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, Walter Mossmann, Eva Morat sowie die Stadt Freiburg im Breisgau. Aus diesem Grund haben wir auch ein gemeinsames Logo: Tschernobyl 25 –expeditionen, das alle europaweiten Ausstellungen zieren wird, entwickelt.

„ Die Straße der Enthusiasten„vornehmlich konzipiert von Eva Morat und Walter Mossmann tourt gerade über Berlin, Kiew, Warschau, Brüssel, dann nach Gartow und schließlich auch nach Freiburg. Im Anschluß an die Ausstellung „Menetekel„ präsentiert der WWK nun seit dem 4. Juni. in Gartow die Ausstellung „Ethnographische Spurensuche“, die in Kooperation mit dem Ethnographischen Museum in Lviv/Lemberg gezeigt wird. In dieser Ausstellung geht es um den Kulturverlust , der auf Grund der Explosion von Block IV in Tschernobyl eingetreten ist. Ein einzigartiger Landstrich – die Polissia – wurde infolge dieser technogenen Katastrophe entvölkert.

Am 23.7. eröffnen wir dann die“ Straße der Enthusiasten“ – Aufstieg und Fall der Stadt Pripjat – eine Vorzeigestadt der früheren Sowjetunion, die für das Bedienungspersonal von Tschernobyl erbaut worden ist. Ganze 16 Jahre dauerte das für die Sowjetunion modellhafte Leben in dieser Stadt, bis alle im Mai 1986 alle 48.000 aus Pripjat evakuiert worden sind.

Gerne laden wir Sie ein, das Wendland, Gartow und unseren im Jahre 1749 erbauten Getreidespeicher der Grafen von Bernstorff, der uns als großzügiges Ausstellungshaus dient, zu besuchen.  Neben den Ausstellungen werden wir ein Programm an Nebenveranstaltungen anbieten. Veranstaltungen, in denen wir der Kunst und den Wissenschaften das Wort erteilen wollen.

Ich danke den Kuratoren des Projektes : Julia Da Franca und Ernst von Hopffgarten. Ich danke den Künstlern, die diese Ausstellung mit ihren Werken erst möglich gemacht haben. In dieser eingegrenzten Ausstellung im Rathaus sind Bilder zu sehen von:  Rüdiger Lubricht, Hieronymus Proske, Iha von der Schulenburg, Timo Vogt und Günther Zint

Eine Audioslide-Show von Timo Vogt und Andrea Rehmsmeier, die die verheerenden Zustände um Majak, Ural thematisiert, wird in den Räumen des Rathauses in Anwesenheit der Autoren am 28.6. zu sehen sein.

Öffnungszeiten: Die Ausstellung ist vom 9. Juni bis zum 30. Juni 2011 täglich von 8 bis 19 Uhr, am Wochenende von 10 bis 17 Uhr, zu sehen. Der Eintritt ist kostenlos. Bitte beachten: Vom 19. bis 21. Juni ist die Ausstellung abgebaut aufgrund einer Veranstaltung im Rathaus.

 

 

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